Unterwegs notiert
Das Meer in der Nähe zu wissen, ist schon ein grandioses Gefühl. An einem Sommersonntag, wenn viele dasselbe Ziel haben, braucht es allerdings ein wenig Strategie, um seinen Platz – und vielleicht auch sein ganz persönliches Glück – zu finden.
Es ist 8.15 Uhr, Sonntag. Die Sommerluft ist noch angenehm, bald wird wieder die Hitze übernehmen. Wir waren schon im Meer schwimmen, mit Blick auf die malerischen Schlösser, eines links, eines rechts von der Bucht. Was für ein Zauber, wenn noch alles ein wenig im Schatten liegt, weil die Sonne hinter dem Strand aufgeht und diesen erst nach und nach in ihr goldenes, später dann grelles Licht taucht.
Von der Strandbar her wehen schon muntere Stimmen und vor allem der Duft nach italienischem Kaffee und frischen Cornetti. Eine unvergleichliche Mischung, die sich in meinem Gedächtnis festgesetzt hat. In der Reihe hinter uns, wir liegen nur kurz auf unseren Tüchern im Sand, ist da wie jedes Mal die ältere Italienerin, natürlich auch beim Baden topgestyled, mit ihrem mutmaßlichen Sohn. Er beschäftigt sich, in der Liege am abonnierten Dauerplatz lässig ausgestreckt, bevorzugt mit seinem Handy.
Die Frau Mama scherzt mit den „Vucumprà“, den dunkelhäutigen Strandverkäufern, die Türme von Hüten auf dem Kopf und Strandaccessoires auf beiden Armen balancierend alles jedem Badegast anpreisen – auch ihr. Sie verweist mit rauchiger Stimme darauf, dass sie wirklich nichts mehr brauche. „Ich habe schon die ganze Saison genug gekauft“, lacht sie.
Der Strand beginnt sich mehr und mehr zu füllen, Familien mit Kindern, Pensionisten, Pärchen – bestückt mit Kühltaschen, aufblasbarem Plastikzeug und Ping-Pong-Ausrüstung. Das ist der Moment, in dem wir Leine ziehen. Denn Sardinen esse ich lieber als mich selbst wie eine zu fühlen, eingeölt und dicht aneinandergereiht.
Wir wissen außerdem, was uns gleich darauf erwartet: eine kurze Fahrt ins Hinterland, hinauf in den Karst, circa 15 Minuten, und dort herrscht – Stille. Wir parken das Auto unter schattenspendenden Kastanienbäumen in der Nähe der Osmiza. Die typischen Gaststätten, meist urig und einfach, haben nur eine gewisse Zeit im Jahr geöffnet. Diese hier ist eine der unscheinbareren – vielleicht nicht so „berühmt“ wie manch andere, dafür bei treuen Stammgästen umso beliebter. Wir zählen mittlerweile auch dazu.
Und jetzt, als wir am Vormittag dort ankommen, ist das Tor geschlossen – sicher, es ist fast unchristlich früh. Der Padrone kommt aber gleich herbeigeeilt und sperrt auf, entschuldigt sich, weil er ein paar Minuten Verspätung hat. Nessun problema.
Im Innenhof sitzen die Hausgäste, es gibt hier auch Zimmervermietung, noch beim Frühstück. Hm, ist das jetzt peinlich, dass wir schon auf ein Glas Wein kommen? Wir sind jedenfalls nicht die einzigen mit diesem Ansinnen, nach und nach treffen weitere Gäste ein und unterhalten sich fröhlich mit der Chefin des Hauses.
Auf zwei Tischen gibt es Kisten mit frischem Gemüse – reife Ochsenherztomaten (cuore di bue), knackige Gurken, Zucchini und duftende Melonen. Alles zum Verkauf. Das schickt mir gerade der Himmel, mir fehlten noch Zutaten für das heutige Menü.
Drinnen stapeln sich die Weinkartons, leere und volle, hinter der Theke und in der teilweise einsehbaren Küche wird fleißig gearbeitet. Ein Glas hier, eine Karaffe Wein da, dazu die köstlichen Tartine mit Prosciutto crudo, Lardo und Fenchelsamen oder Käse. Alles aus eigener Produktion, wie es sich für eine Osmiza gehört.
Aus dem Lautsprecher tönt Raffaella Carrà mit Pedro Pedro Pe … einem Hit aus den 1980er-Jahren, der in einem Remix plötzlich wieder auferstanden ist. Italiener, so meine Beobachtung, pflegen eine besondere Beziehung zu ihren musikalischen Landsleuten. Emotionen sind schnell geweckt, auch hier unter den Anwesenden. Und erstaunlich viel Stolz.
Ich nehme auf dem schmalen, rot lackierten Stuhl im Freien Platz. Mein Friulaner bringt mir einen rosé Spumante im eleganten Champagnerglas, definitiv das Aushängeschild. Ansonsten gibt es die – soliden – autochthonen Klassiker Vitovska, Malvasia und Terrano. Das Metalltischchen ist wackelig, dafür der Ausblick auf den sattblauen Golf von Triest einmalig. Wie könnte man hier das Leben nicht genießen? Menschen sind meist dort gut drauf, wo es Gutes zu essen und zu trinken gibt. Das Glück ist im Grunde einfach gestrickt – es braucht keine haubengekrönten Plätze, um an so einem Tag zufrieden vor sich hinzuschnurren.
Wir beschließen, noch ein Stückchen zu marschieren. Die Straßen hier sind schmal und kaum befahren, immer wieder zweigen rechts und links Wanderwege ab – rot-weiße Tafeln weisen den Weg. Heute machen wir nur eine Dorfrunde, bei der ich die Vorgärten der Häuschen bewundere. Irgendetwas blüht und duftet immer hier. Jasminhecken oder Hortensienstauden, Perückensträucher oder Feigenbäume – sie alle sind für mich ein Grund zum Jauchzen.
Während wir nebeneinander gehen, überlegen wir, wie wir zu Hause den Tag kulinarisch fortsetzen wollen. Beziehungsweise wer welche Aufgabe übernimmt: Gemüse waschen und schneiden ist meist die Aufgabe meines Friulaners, für die verantwortungsvolleren Tätigkeiten wie schmoren, braten und backen bin normalerweise ich zuständig. Mit dem Risiko kann ich gut leben.
Ungeduldig werde ich nur, wenn etwas unregelmäßig geschnitten ist, womöglich noch in unterschiedliche Formen – das gibt eine Rüge von mir. Mein „Souschef“ ist jedenfalls geduldig. Vielleicht weil er längst weiß, dass das Resultat unserer Teamwork überzeugend ist. Was er mir dann nach dem Essen stets mit Überzeugung bestätigt: Sono contentissimo! Heute hast du dir die Latte aber selbst wieder höhergelegt!
Und das ist für mich auch Glück.
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