Nicole bei Zugreise Richtung Süden

Mit Werfel auf nach Süden

Eine Zugfahrt zwischen Welten, zwischen Bergen und Ebene – Richtung Süden. Und die Erkenntnis, was es mit dem kürzesten Weg wirklich auf sich hat.

Auf dem Hauptbahnhof drängen sich Wartende. Für mich ist das der Moment, in dem der Weg Richtung Süden beginnt. Mein Köfferchen belastet mich nicht. Den Laptop schleppe ich, weil mir unterwegs so viele Ideen kommen. Es reicht aber auch ein kleines, schwarzes Notizbüchlein – nur dass ich später meine eigene Handschrift oft nicht mehr entschlüsseln kann: Mein Geist ist schneller als meine Hand.

Die Zugfahrten zwischen den beiden Heimaten sind meist bereichernd, entspannend – sofern alles gut geht. Es kann schon vorkommen, dass es Probleme gibt – zu wenig Material, sagt man im Bahnjargon, zu intensiv eingesetzt. Dann stehe ich mit Bassgeigen schleppenden Musikern, Schrankkoffer rollenden Japanerinnen und Kinder beruhigenden Jungfamilien auf dem winzigen Bahnsteig eines unbedeutenden Bahnhofs. Gemeinsam beobachten wir den Feuerwehreinsatz mitsamt amtshandelnden Carabinieri.

Insgeheim beschließe ich – entgegen meiner Slow-Travel-Devise: Das nächste Mal doch wieder mit dem Auto. Faszinierend, wie ruhig und zivilisiert die anderen Fahrgäste solche Vorkommnisse aufnehmen. Und es stimmt mich wieder zuversichtlich, als eine junge Frau zu ihrem Partner sagt: Mit dem Auto könnten wir auch im Stau stecken …

Wie zur Versöhnung, es geht endlich weiter, weichen die Berge bald darauf zurück und öffnen das Tor hin nach Süden. Wir streifen, manchmal messerklingenscharf, das Ufer aquamarinfarbener Flüsse, die sich in breiten, hellen Schotterbetten räkeln.

Schade nur, dass manche Mitreisende gar keine Notiz von dem Schauspiel nehmen – in ihren Ohren stecken weiße oder schwarze Plastikstöpsel, ihr Blick heftet sich auf den Bildschirm, den sie vor sich haben. Reale Fahrt in eine virtuelle Welt.

Andere wiederum zücken rasch ihre Handys zum Fotografieren. Aber ich weiß, dass die nicht ganz sauberen Fensterscheiben, neben dem allzu spontanen Abdrücken bei hoher Geschwindigkeit, schließlich Bilder von minderer Qualität ergeben werden.

Kurz danach tauchen wir in die Ebene ein, sie zeigt Einsprengsel von Häusern da und dort, meist gruppiert, und nicht so verstreut, wie man es von österreichischen Landschaften gewohnt ist. Dafür gibt es wieder Fabrikshallen neben historischen Villen. Man kann sich eben doch nicht nur die Rosinen herauspicken.

Fast hätte ich es übersehen – so vertieft war ich ins Nach-draußen-Schauen. Gleich nebenan, ganz erstaunlich: Menschen in ihren Zwanzigern, die richtige Bücher lesen. „The name of the rose“, Umberto Eco auf Englisch, erblicke ich. Und: Franz Werfel in den Händen einer jungen Frau im Pünktchenkleid. Vielleicht weil ich wie hypnotisiert auf ihren Buchtitel gestarrt habe, bittet sie mich mit freundlichem Lächeln, kurz auf ihre Sachen aufzupassen – und duzt mich dabei. Das ist der wahrscheinlich schönste Moment der Reise.

Ich fühle mich plötzlich um Jahrzehnte zurückkatapultiert, hin zu meinen oftmaligen, ewiglangen Zugfahrten nach Florenz – damals in meiner Schulzeit, als die unendliche Liebesgeschichte mit Italien offiziell begann.

Caspita, für mich heißt es jetzt, zügig meine Siebensachen zusammenzupacken, ich muss den Zug in der nächsten Stadt verlassen. Die meisten Passagiere sind auf dem Weg zur Endstation, nach Venedig. Aber ich – werde schon von meinem Friulaner erwartet, verlässlicher als jeder italienische oder österreichische Zug.

Dort am Bahnsteig, das ist jedes Mal einer unserer Lieblingsmomente, schnappt er sich dann mein Gepäck, um mit mir zum Ausgang zu eilen. Er hat sich sicher wieder etwas Feines ausgedacht, von dem er hofft, mir eine Freude zu machen. Eine nette Weinbar im Centro Storico, ein romantischer Agriturismo am Land, eine urige Osteria im nächsten Ort. Egal, die Liebe geht hier überall so direttissima durch den Magen.

Wenn er mit mir dann durch die verschlafensten Dörfer kurvt, und ich mich jedes Mal wundere, wie viele es hierzulande davon gibt, beklage ich mich aber schon manchmal darüber, wie lange wir überallhin brauchen. Ein ewiges Herumtingeln! Doch er meint daraufhin nur: Das ist der kürzeste Weg.

Da beginne ich zu verstehen, wie es mir Jahre zuvor passieren konnte, dass ich einmal alle entlegenen sizilianischen Gegenden abfuhr: Ich hatte das Navi im Mietauto irrtümlich auf den kürzesten Weg programmiert – und dabei dort, auch nicht ganz freiwillig, viel Überraschendes entdeckt.


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