Freitagnachmittag beim Macellaio und auf der Piazza

Freitagnachmittag beim Macellaio

Das Wochenende steht vor der Tür und erwartet einen geradezu mit offenen Armen. Was gibt es Schöneres, als seinen Liebsten etwas Gutes zu tun. Und sich selbst natürlich auch.

Wenn ich freitags zum Macellaio gehe, plane ich den Besuch kurz nach Ende seiner Mittagspause. Ich bin um 15.45 Uhr da, doch es sind schon drei Kunden vor mir im Geschäft. Buon dì!, ruft Corrado. Er hackt mit Hingabe kleine Hühnerstücke in fast winzige Teile. Ich muss ihn später fragen, was man damit macht. Während er so hackt, blickt er aus der großen Fensterfront, die durch Lamellenvorhänge geschützt ist, auf die Fußgängerzone draußen. Seine Mundwinkel verziehen sich sanft nach oben. Ich folge seinem Blick und sehe seine Frau und seine Tochter, wie sie auf der Straße mit jemandem sprechen.

Der 150-Kilo-Mann ist vom ganzen Zuschnitt her exakt so, wie man sich jemanden seiner Profession vorstellt, ja geradezu wünscht! Enorme, kräftige Hände, die kein Pardon kennen bei der Arbeit, eine ordentliche Leibesfülle – mir sind schlanke Fleischer genauso wie magere Köche suspekt –, und immer ein Lächeln und ein Scherzchen auf den Lippen.

Mit Sorgfalt wickelt Corrado alles in Papier beziehungsweise in eine Plastiktüte. Übrigens mittlerweile in einheitlichem Branding – Schwarz-Weiß und darauf sein Konterfei in stilisierter, leicht humorvoller Cartoon-Form.

Das alles gehört zu seiner neuen Werbelinie: Gemeinsam mit einer geviften Social-Media-Agentur, die gleich im Nebenhaus ihren Sitz hat, ist es ihm binnen weniger Monate gelungen, vom Kleinstadtfleischer zu einem viral gegangenen Facebook- und Instagram-Star zu werden. Bald 30.000 Follower hat der gute Mann. Sein Clou: Er spricht in den Videos von den feinen Produkten, seinen qualitätsvollen Lieferanten – und zwar auf Friulanisch mit italienischen Untertiteln! Ist das eine Sache?! Seither ist der Laden voll, und das erklärt auch, warum ich meinen Einkauf hier mittlerweile gut planen muss. Zumindest, wenn ich nicht Schlange stehen möchte.

Inzwischen ist die „Chefin“, so nenne ich sie Corrado gegenüber, ins Geschäft gekommen und verschwindet gleich im Raum hinter dem Laden. Schnell kehrt sie wieder zurück – mit umgebundener Schürze und dem in Italien obligaten Häubchen zur Bedeckung der Haare. Beim Macellaio hierzulande ist es außerdem ein wenig wie beim Zahn- oder Ohrenarzt – die Ehefrau übernimmt die Rolle der Assistentin. Das bedeutet: Mara darf lediglich die Extras verkaufen: Mittlerweile gibt es nämlich eine Vielzahl an Delikatessen, die nichts mit dem „Kerngeschäft“ zu tun haben. Pesto, Oliven, eingelegte Artischocken, allerlei Gläschen mit Sugo von Wildschwein, Perlhuhn oder Kaninchen. Süßsaures Gemüse, Vollkorn-Taralli und sogar die süße, typisch friulanische Gubana.

Ein halbes Wandregal ist dicht bestückt mit hochwertiger Pasta verschiedener Marken, die man im Supermarkt sicher nicht findet. An Formen gibt es hier etwa Lumache, Tagliatelle, Calamarata, Orecchiette und wohl auch Spaghetti, entweder aus handwerklicher regionaler Produktion oder von weit aus dem Süden, aus Gragnano, dem italienischen Pasta-Paradies.

Ich suche Conchiglie, das sind die muschelförmigen, die man gut mit Béchamel und Spargelstücken vermischen und danach mit Mozzarella überbacken kann. Dieses Spargelgericht hatte ich mir für meinen Blog ausgedacht, die Spargelzeit muss ausgekostet werden.

Einige Monate zuvor hatten mein Friulaner und ich kleine Schüsseln aus Coccio, Steingut, gekauft. Jene traditionellen der Marke Lotti, die man in Italien seit Ewigkeiten verwendet, richtig schön ziegelrot, Terracotta eben – manchmal außen dunkelbraun-glänzend lasiert. Man möchte damit einfach noch mehr überbacken …

Zurück zu Corrado: Köstlich ist auch seine gerollte Pancetta mit zarten Kräutereinschlüssen. Die Scheibchen werden bei ihm hauchzart geschnitten – dafür sorgt seine perfekte Aufschnittmaschine, die er mit echter Muße bedient. Auch wenn das Geschäft richtig voll ist, siehe oben.

Zu Hause wickle ich die Pancetta am liebsten auf handgemachte Grissini, die es ebenfalls hier zu kaufen gibt. Sie sind etwas breiter als üblich, dafür umso knuspriger, und bieten dem Herumzuwickelnden guten Halt. Ein schlichtes, aber köstliches Antipasto, das für Wirkung sorgt und in Erinnerung bleibt. Meine Schwiegermutter, übrigens eine äußerst leichtgewichtige Person, schwärmt jedes Mal maßlos, wenn ich die mittlerweile „berühmten“ Pancetta-Grissini serviere. Und verzehrt gleich mehrere davon.

So, jetzt habe ich mir noch eine kleine Pause verdient – Freitagnachmittag ist immer ein Grund, das Leben zu feiern. Die Woche gut ins Finale gebracht, das Wochenende schon im Blick. Wo könnte ich das besser tun, also auf der Piazza Grande, in der Caffetteria Milanese – einer der besten Bars Italiens, die seit vielen Jahren prämiert wird.

Dort gibt es nicht nur einen exzellent zubereiteten Kaffee, sondern großartige regionale und nationale Weine – und sogar Champagner, oh là là. Mein Geheimtipp hier sind die besonderen Spritz-Varianten, etwa mit dem weltberühmten Botanical Drink, der gleich im übernächsten Ort hergestellt wird. Hier ist alles Genuss.

Und diesen gönne ich mir nun – während ich wie frisch verliebt über die weite Piazza mit ihren Palmen blicke, hin zur sanften Nachmittagssonne, die gütig alles beleuchtet. Den stattlichen Dom mit seiner weiß-marmornen Fassade genauso wie mich, die ich ihr zufrieden das Gesicht entgegenstrecke.


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