Frasca und Osmiza – die ursprünglichsten Formen der Gastlichkeit in Friaul-Julisch Venetien. Bestens bekannt sind uns ihre Verwandten: Buschenschank und Heuriger, Straußen- und Besenwirtschaft. Meist sind es einfache Osterie mit bäuerlichen Produkten und eigenem Wein. Sie stellen nur wenige Ansprüche an Budget oder Etikette und bieten den Rahmen für unkomplizierte Geselligkeit am Land – umgeben von viel Natur.
Wer in Italien je durch prominente Weingegenden wie die Toskana oder den Piemont gefahren ist, kennt vielleicht dieses Gefühl – man will nichts lieber, als bei einem der spektakulären Weingüter rechts und links der Straße, eindrucksvoll auf einem Hügel platziert, auf ein Glas Wein einkehren. Einfach so, ohne dafür einen Termin buchen zu müssen. Und ohne gleich den Kofferraum mit Weinkisten füllen zu müssen, nur weil man spürt, dass das erwartet wird.
Und ist es da nicht ein besonders freudiges Ereignis, wenn man – zwar immer noch in Italien, aber schon nahe bei Österreich – in Friaul-Julisch Venetien auf das Phänomen der Frasca und der Osmiza trifft? Wo man man nach Lust und Laune, einzig die Öffnungszeiten beachtend, genau das tun kann: sich in den Garten oder auf die Terrasse setzen, im Grünen oder mit Blick aufs Meer, etwas Wein und eine kleine Jause bestellen – und einfach das Dolce Vita genießen.
Gemeinsame Geschichte
In der nordöstlichsten Region Italiens hat die Tradition der Buschenschenken oder Heurigen mit der jahrhundertelangen Habsburgerherrschaft zu tun. Kaiser Joseph II. hat den Bauern – wie in Österreich auch – 1784 den Erlass zum Verkauf eigenen Weins und einfacher Produkte ab Hof erteilt. Vorwiegend in den Provinzen Udine, Gorizia und Triest findet man also heute noch die Frasca und die Osmiza. Manchmal auch die Privata – so heißt sie im Görzer Karst.
Seinerzeit waren diese bäuerlichen Schankwirtschaften pro Jahr nur an acht (slow. osem) Tagen geöffnet, daher die Bezeichnung Osmiza – in der slowenischen Schreibweise Osmica. Die Frasca hingegen hat mit dem Efeubuschen, der vor dem Haus hängt, zu tun – er zeigt an, wenn „ausgesteckt“, also offen ist.
Heute sind die Bestimmungen wohl etwas großzügiger – und so haben diese gastfreundlichen Orte mehrmals im Jahr geöffnet. Sie alle sind familiengeführt, dürfen keine angestellten Mitarbeiter haben und stehen für ein rustikales Ambiente.




Karst ist Landschaft mit Charakter
Im Karst, jenem außergewöhnlichen Landstrich um Triest und Gorizia, dominieren unzählige Perückensträucher (Cotinus coggygria, im lokalen Sprachgebrauch sommaco) das Bild: Im Frühjahr bilden ihre Blüten rosafarbene gefiederte Wedel, im Herbst tauchen die Blätter der Sträucher alles in flammendes Rot. Und von Mai bis Juni verströmen die weißen Jasminhecken vor den Häusern betörende Duftwolken in der warmen Luft.
Die schmalen Straßen pendeln zwischen Italien und Slowenien hin und her, das Gebiet ist zweisprachig, was sich auch an den Ortstafeln ablesen lässt. Meist ist die Landschaft trocken und mit reichlich Gestein durchsetzt, Wasser ist rar. Karstig eben. Manchmal ist sie aber auch üppig-grün, bedeckt mit einer Mischung aus wilder Macchia und hohem Baumbewuchs wie Edelkastanien, Steineichen und Schwarzkiefern.
Auf der imposanten Hochebene über dem Golf von Triest, etwa 40 Kilometer lang und 13 Kilometer breit, ticken die Uhren allgemein etwas anders. Kommt man von Triest herauf, wo es oft laut und hektisch zugeht, fühlt man sich nach wenigen Kurven stadtauswärts schon wie in einer anderen Welt. Entspannter. Die Straßen werden steiler und noch enger, bis man schließlich die Stadt hinter sich lässt und von der ländlichen Umgebung empfangen wird.
Zum Feiern und zum Wandern
Die Einheimischen in Friaul-Julisch Venetien fahren gerne aufs Land – am Wochenende treffen sich Freundesrunden und Familienfeiern bevorzugt an Orten, die für das Budget aller geeignet sind. In der friulanischen Ebene und in den Hügeln des Collio bzw. der Colli Orientali wird dann gegessen und getrunken, und nur manchmal ein kurzer Spaziergang eingelegt.
In den Karst hingegen kommt man auch, um zu wandern: Es gibt zahlreiche rot-weiß markierte Wanderwege. Besonders schön und beliebt sind die Strada Napoleonica und die Via della Salvia – recht einfache Strecken mit atemberaubenden Ausblicken auf die tiefblaue Adria.
Und im Sommer, der besten Jahreszeit, um draußen zu genießen, gibt es dann im „nahen Süden“ sowieso kein Halten mehr: Nach einem unbeschwerten Tag am Strand wird auf dem Heimweg mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Stopp in der Omiza oder Frasca eingelegt.
Verborgen hinter Toren und Mauern
Diese besonderen Orte der Gastlichkeit haben aber auch so ihre Tücken – denn man muss sie erst finden! Gerade in den Karstdörfchen glaubt man sich oft im Niemandsland, begegnet eher selten Menschen auf der Straße. Doch eine Ansammlung parkender Autos kann schon ein erster Hinweis sein. Wenn dann auch noch die frasca vor einer Einfahrt hängt und – vor allem im Karst – ein roter Pfeil daneben, ist schon viel gewonnen.
Besonders typisch ist dann, einfach durch ein Tor zu lugen, mutig einen Innenhof zu betreten – und plötzlich von ohrenbetäubendem Lärm begrüßt zu werden: Hier feiern die Menschen das Leben. Und der Wein spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle: Zu trinken gibt es vorwiegend die hier autochthonen Weine. Sie werden meist in Karaffen oder unetikettierten Flaschen gebracht und sind von unterschiedlicher Qualität – manchmal etwas rauer, dann wieder international preisgekrönt. Friulano, Vitovska, Refosco und Terrano sind die erklärten Lieblingsrebsorten in Weiß und Rot.
In manchen Osmize geht es aber durchaus ruhiger zu: Sie bieten romantische Meerblicke, von denen man sich gar nicht mehr loslösen möchte, oder sie sind eingebettet in üppig blumengeschmückte Gärten. Kinder können nach Herzenslust herumtoben und Ziegen, Esel oder Schweine sind als Hausgenossen keine Seltenheit.




Typische Speisen bei Frasca und Osmiza
Das Speisenangebot sieht meist ähnlich aus: Uova sode, hartgekochte Eier, sind traditionell die ursprüngliche Verpflegung in den Osmize und Frasche. In einer Schüssel auf dem Tresen warten sie einfach darauf, geschält und gegessen zu werden – das Fast Food der ersten Stunde.
An der Theke bestellt man außerdem, was auf handgeschriebenen Zetteln oder Kreidetafeln steht. In der Frasca sicherlich ein Stück Frico, das ist der knusprig-weiche Kartoffel-Käse-Fladen und Leibgericht der Friulaner. Oder Polenta und Salsiccia.
In der Karst-Osmiza wählt man luftgetrockneten Karstschinken, einen prosciutto crudo, etwas dicker von Hand geschnitten. Oder gekochten Schinken mit frisch geriebenem Kren, Salami und Ossocollo. Dazu gibt es eingelegtes Sauergemüse, grob geschnittene Käsestücke, manchmal mit Honig und Nüssen garniert. Alles wird fein säuberlich auf Platten geschlichtet und mit frischem, flaumigem Weißbrot serviert. Gegessen wird generell ohne Besteck, die Köstlichkeiten pickt man einfach mit Zahnstochern auf.
Überall gibt es, für den kleinen Hunger, appetitliche tartine, je nach Wunsch belegte Brote.
Und für den süßen Abschluss sind meist die nonne verantwortlich: Ihre dolci, besonders rund um Triest und Gorizia, tragen immer noch eine deutliche altösterreichische Handschrift: Strudel, Potizen oder „Linzer“ werden zur Freude aller weiterhin gehegt und gepflegt.
Mutig hinein ins Abenteuer
Und beim nächsten Besuch einer Frasca wird es aufs Neue spannend: Welche hat denn nun geöffnet? Hier hilft meist nur ein Blick ins Internet oder, wie schon verraten, auf die typischen Anzeichen – siehe oben. Für die Osmize hingegen gibt es eine einfache, aber besonders praktische Internetseite: www.osmize.com. Dort findet sich die Liste der gerade geöffneten Betriebe mitsamt Übersichtskarte. So wird jede Landpartie wieder ein einzigartiges, genussreiches Erlebnis.
Meine liebsten Osmiza- und Frasca-Adressen
Osmiza Merlak
Martin Merlak ist ein experimentierfreudiger junger Karstwinzer, angesiedelt im ursprünglichen Tal Val Rosandra, südlich von Triest: Hier beginnt Istrien. Seine hervorragenden Weine – darunter der autochthone Vitovska – haben ausgeprägten Charakter. Romantischer Gastgarten unter Olivenbäumen und gute Jause.
Località S. Dorligo della Valle 472, 34018 San Dorligo della Valle
Osmiza Cacovich
Der Ururgroßvater von Dimitri Cacovich hat hier im Jahr 1900 die erste Osmiza eröffnet – unter dem heutigen Wohnzimmer residierten die Kühe, vor dem Haus die Schweine und im Weingarten die Bienen. Auch der heutige Winzer, einer der jüngsten im Karst, ist seit Jugendtagen Imker. Auf 2,5 Hektar arbeitet er biologisch zertifiziert und produziert Vitovska, Refosco, Terrano sowie interessante Cuvées. Zu essen gibt es Olivenkäse, Prosciutto, Salami, Honig etc.
Strada per Longera 328, 34128 Longera
Azienda Agricola Zidarich
Benjamin Zidarich ist mit seiner Terra eng verbunden, er hat sich dem Weinmachen „wie einst“ verschrieben – mitsamt spektakulärem Weinkeller im Felsen. Mehrere Weinlinien, die auch in die Welt exportiert werden. Gepflegtes Karsthaus mit großer Terrasse und grandiosem Meer- und Weitblick beim Genießen der vielfältigen Spezialitäten – darunter eigenes Gemüse, aber auch hartgekochte Eier.
Località Prepotto 23, 34011 Duino Aurisina
Osmica Pipan Klaric
In der Nähe von Sistiana – ein dezenter Hinweis auf eine Bademöglichkeit vor dem Besuch – befindet sich diese gepflegte Osmiza mit großzügigem Garten. Auch drinnen kann man schön sitzen. Bei Pipan Klaric gibt es Köstlichkeiten wie Schinken im Brotmantel, Ombolo (luftgetrockneter Lendenbraten), Ossocollo, gerollte Pancetta und salzigen Strudel – und natürlich immer etwas Süßes.
SP32 58, 34011 Malchina
Osmiza Gabrovec Ivan
Die Osmiza mit dem großen Holztor ist ein verstecktes Juwel in historischem Landwirtschaftsgemäuer – gut beschützt von dem hauseigenen Markenzeichen, einem mächtigen Gelso (Maulbeerbaum). Hier gibt es nicht nur gute Stimmung, sondern auch feine Schinken, gekocht und luftgetrocknet, Salami, Käse, eingelegtes Gemüse – und einen köstlichen salzigen Strudel. Dazu Vitovkska, Malvasia und einen kräftigen Terrano.
Località Prepotto 15, 34011 Prepotto
Azienda Agricola Kmetija Colja Jožko
Seit 1955 gibt es hier schon Osmiza: Im Sommer mit angenehmem Gastgarten und auch mal einem „Karstfest“. In der kälteren Jahreszeit mit stimmungsvoller Gaststube inklusive Sichtsteinmauern und offenem Kamin. Bemerkenswert: Warme Küche mit rustikalen Karstgerichten wie Gnocchi, Jota, Gulasch mit Polenta, Kesselfleisch und Sauerkraut. Der Kaffee kommt aus der Moka. Und man kann auch übernachten!
Località Samatorza 21, 34010 Sgonico
Osmica Lisjak
Begehrter Meerblick, dazu gute Speisen, solide Weine, in der Karaffe und mit Stumpengläsern, wie es sich gehört, inmitten eines Weingarten- und Blumenparadieses. Parken kann man mit Glück bei der Bushaltestelle. Oder man kommt geich mit dem Bus von Triest herauf. Reservierung natürlich empfehlenswert.
Salita di Contovello, 34136 Trieste
Osmiza Terčon Lisjak
Die Tische unter der Pergola sind das zweite Wohnzimmer vieler Einheimischer, aber manchmal dürfen auch andere Besucher hier sitzen. Typische Hausweine, köstliche Tartine mit Prosciutto und Ossocollo. Besonders schön: der zauberhafte Hausgarten, wo nicht nur wilde Kräuter, sondern auch Hortensien, Taglilien, Rosen und Oleander wuchern dürfen.
Località Malchina 42, 34011 Malchina
Frasca Pozzar
Ein Familie, die einfach alles produziert: Wein, Bier, Gemüse, Eier, Wurstwaren, Polenta, Obst, Gemüse, Säfte, Marmeladen. Die vielfältigen Produkte, auch warme Speisen und dazu originales Ambiente gibt es an mehreren Standorten – sogar in der Stadt.
Piazzetta Antonini, 33100 Udine | Piazzale XX Settembre 5, 33170 Pordenone | Kiosk „Ai Talponi“ (Mai–Nov), Via Nazario Sauro 47, 34075 Pieris | Via Isonzo 74 a, 33050 Fiumicello Villa Vicentina (Dez–Apr)
Frasca Fraccaroli
Hier treffen sich die Einheimischen nach der Arbeit oder zum Kartenspielen an massiven Holztischen. Die urige Frasca mit junger Bedienung ist einzigartig wie auch das Angebot: Neben einer umfassenden Weinauswahl gibt es Olivenöl – und Reis aus eigenem Anbau zu kaufen. Die Sorte Vialone Nano ist ideal für Risotto und Antipasti.
Via S. Ermacora 10, 33050 Paradiso
Frasca Dal Bacan dal 1978
Natürlich Wein und Tartine (belegte Brote) oder Taglieri („Brettljause“) mit eigenen Wurstwaren und Käse, dazu eingelegtes Gemüse und Chutneys sind die Spezialitäten des Mutter-Tochter-Betriebs. Vor allem aber produzieren sie alle denkbaren Arten von Gemüse und Früchten: Da kann man sich gleich topfrisch für zu Hause eindecken.
Via Brigata Bergamo 32, 33050 Pozzuolo del Friuli




