Flanieren und genießen in Venedig

Die Crema di fagioli und der Katzentisch

Venedig hat bekanntlich viele Facetten. Aber dass ein mehr oder weniger romantisches Abendessen zu unerwarteten Inspirationen und überraschenden Etappenerfolgen führt, hätte ich mir nicht gedacht.

Das Restaurant im Stadtteil Dorsoduro ist noch einigermaßen leer – den Anblick kennen wir schon, wenn wir zum Abendessen ausgehen. Es liegt einfach daran, dass wir für italienische Verhältnisse eher früh dran sind.

Es ist ein Kompromiss für uns beide: Mein Friulaner hat sich mittlerweile meinen österreichischen Essenszeiten zumindest angenähert. Und ich mich den seinen. Am liebsten würde ich abends fast gar nichts essen, aber das wäre auch langweilig. Außerdem, ich gebe es zu, ist es eine Frage des Alters. Früher war alles anders … Da trank ich sogar knapp vor Mitternacht noch Espresso. Heute ist oft 14 Uhr schon zu spät. Caspita!

Wir wählen einen aus den uns angebotenen Zweiertischen. Besser gesagt: Ich wähle. Sind es nicht immer die Frauen, die sich an einem ganz bestimmten Fleck in einem Lokal sofort wohl oder eben unwohl fühlen?

Die Tische hier sind richtige Katzentische. Warum man sie so nennt, weiß ich nicht. Ich könnte jetzt schnell zu Dr. Google wechseln oder überhaupt Chatty befragen. Ich lasse das Unwissen einfach im Raum stehen, tut auch mal gut. Außerdem fühlt sich vielleicht jemand aus meiner Leserschaft animiert, zu schreiben oder zu kommentieren. Nur zu!

Also – wir sitzen. Natürlich in der von mir gewählten Sitzordnung: der Herr schaut in die Wand, die Dame ins Lokal. Die Welt ist ungerecht. Aber manchmal darf man auch als Frau einen Vorteil haben.

Wir studieren die Karte, die überdimensional groß ist im Vergleich zum Tisch. Mein Brillenetui liegt auch da. Das wird zum Problem, als die Kellnerin den Brotkorb bringt. Kein Platz. Ich schichte um, doch da kommt schon das Amuse-Gueule, zwei Tellerchen mit Polentachips und Kichererbsencreme. Die roten Einsprengsel obenauf entpuppen sich als Sommaco oder Sumach. Dieser findet auch beim nächsten Gang Verwendung: bei meinen Garusoli, den Meeresschnecken aus der Lagune. Der Koch scheint Freude an dem Gewürz zu haben. Bisher kannte ich Sumach, besser gesagt seine Verwandten, die Perückensträucher, nur als Karstvegetation.

Am Nebentisch ein durch und durch unterschiedliches Paar: Er schon älter, mit modischem Kaschmirpulli und passendem Kaschmirschal in Blautönen. Die weißen Haare scheinen auch einen bläulichen Stich zu haben, ich muss mehrmals hinschauen, weil ich an eine optische Täuschung glaube.

Sie, eine junge Frau in den Dreißigern, gar nicht gestylt und ziemlich bedrückt dreinschauend. Sie sprechen wenig und leise. Obwohl ihr Tisch nur circa dreißig Zentimeter entfernt ist, hören wir nicht, was sie sagen. Sie bohrt nur einmal ihren Zeigefinger in die Handfläche der anderen Hand. Mein Friulaner erklärt mir: Das bedeutet so viel wie „warte“ oder „Time-out“.

Ich hatte ehrlicherweise etwas Lasziveres vermutet – aber die Erscheinung der beiden ließ diese Überlegung eher nicht zu. Sie wirken aber auch nicht wie Vater und Tochter. Zumindest kostet er von ihrem Essen und schleckt dabei von ihrem Besteck. Was immer das bedeutet.

Doch viel wichtiger ist, was ich auf dem Teller des Nachbarn sehe: Die Erklärungen der Kellnerin habe ich nämlich sehr wohl verstanden, also weiß ich, dass in der tiefen schönen Porzellanschale eine Crema di fagioli borlotti mit hausgemachten Reginette, Meeresfrüchten und Radicchio di Treviso tardivo serviert wurde. Sofort verarbeitet mein Gehirn die Informationen. Dabei unterstützt mich auch meine Angewohnheit, Speisekarten zu fotografieren. Es hilft mir später, mich an Gerichte und die beschriebenen Zutaten zu erinnern.

Mein Friulaner und ich tauschen Blicke aus – wir sind uns sofort einig: Das kochen wir zu Hause nach. Er: Schaffen wir das für Sonntag? Ich: Kein Problem. Wir haben jede Menge getrocknete Borlotti-Bohnen, die wir ohnehin verbrauchen sollten. Wenn wir sie einweichen, sobald wir Samstagabend zu Hause sind, schaffen wir das locker. Haben wir Karotten und Co. im Kühlschrank? Er bestätigt – und so ist es ausgemacht. Jetzt brauchen wir nur noch die richtige Pasta, da bin ich eine pignola, die es genau nimmt. Keine andere Pasta als die soeben gesehene käme infrage. Frutti di mare lassen wir diesmal weg, aber der besagte Radicchio muss sein.

Tags darauf, mitten in San Marco, werden wir kurz vom Touristenstrom durch die Gassen gespült, als wir nicht achtgeben. Schnell suchen wir wieder einen Seitenweg, wo wir uns sicherer fühlen. Bevor wir schließlich zum Bahnhof müssen, gefällt mir spontan eine Bar, die aber auch wie ein Lebensmittelgeschäft aussieht. In der Auslage entdecke ich – Pasta! Genau wie jene gestern Abend auf dem Teller. Mafaldina corta, steht auf der Packung, egal. Flach und mit gewelltem Rand. Und natürlich kommt sie aus Gragnano, dem heiligen Ort der Pasta in der Nähe von Neapel. Ich betrete den Laden, während mein Friulaner wie so oft vor der Tür stehenbleibt. Mut gibt es eben nicht zu kaufen, weder hier noch anderswo.

Drinnen wirkt es auf den ersten Blick unauffällig, doch dann spähe ich weiter ins Innere des Raums: An den Wänden hübsche Halterungen mit Weinflaschen, dazu viel Holz und modernes Design. Eine wirklich einladende Vinothek – und damit ein kulinarischer Volltreffer. Ich gebe ein Zeichen nach draußen: Vieni!

Was soll ich sagen? Nach je einem Glas Lugana und Corvina, beides autochthone Rebsorten aus der Region Venetien, marschieren wir mitsamt einer Packung Pasta beschwingt durch das jüdische Ghetto Venedigs Richtung Bahnhof. Einmal biegen wir falsch ab und landen in einer endlos langen, fast menschenleeren Sackgasse – was wir erst verstehen, als ein Paar vor uns plötzlich wieder zurückkommt. Alles klar …

Ein Stück weiter, an der Fondamenta de l’Abazia, treffen wir auf eine Ansammlung verlockender Bars mit fröhlich feiernden jungen Menschen davor. Die Adresse ist sofort notiert. Und dann, ich glaube es kaum, entdecke ich auch noch einen Gemüsehändler mit üppig befüllten Kisten vor dem Laden. Erraten: Zwei Köpfe Radicchio tardivo di Treviso landen rasch in meiner stets paraten Einkaufstasche. Bingo! Jetzt können wir beruhigt zum Zug. Missione compiuta.


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